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Minnigerode Rinne in der Ortler Südostwand, mit Ortlerüberschreitung

Dieses Dreigestirn Ortler, Zebru und Königspitze fasziniert. Schwierige Wände, formschöne, markante Berggestalten, dazu noch mit stattlicher Höhe versehen. Es war an der Zeit mal wieder nach Sulden aufzubrechen, hatten wir doch immerhin 4 Tage auf unserem Zeitkonto stehen. Da wir diesen Winter immer wieder mit steileren Anstiegen und Abfahrten liebäugelten, fiel die Wahl auf die Kingline in der Ortler Südostwand, die direkte Minnigeroderinne. Laut Internetrecherchen sollte sie im Durchschnitt 45Grad aufweisen, mit Abschnitten 50Grad. Sicherlich eine Herausforderung für uns mit den schmalen Wettkampf-Ski abzufahren. Wir liessen uns diese Option aber offen, ich spielte schon mal gedanklich mit Plan A (komplett wieder abkletten), Plan B (Skidepot vor der Verengung) und zog auch noch Plan C (Abfahrt über Trafoier Eisrinne, Normalweg) in Erwägung. 

 

Um nicht völlig übernächtigt in dieses grosse Unterfangen zu starten, fuhren wir bereits freitags abends nach Sulden und bezogen in einem sehr empfehlenswerten 4Stern-Hotel (Pure Mountain Paradies) Stellung. Mit dem gebuchten Apartment konnten wir somit die Vorteile des Hotels nutzen (grosser Wellnessbereich, Garage, beheizter Skikeller, Frühstück bei Bedarf oder Abendessen), waren aber flexibel genug, um früh morgens uns ein Müsli mit Kaffee zubereiten und früh für die Touren aufbrechen zu können.

 

Wir starteten also nach geruhsamer Nacht um kurz vor 6Uhr am Skiliftparkplatz (gratis!) in Sulden über die bis dato noch ins Tal reichende, aber bereits geschlossene Skipiste bei teils wolkenverhangenem Himmel. Nicht der motivierendste Start, aber immerhin kann man sich in einer Rinne nicht verlaufen, wenn die Wolken drinhängen, so dachte ich. Mit der aufgehenden Sonne lichtete sich das Wolkenmeer und machte folglich immer mehr dem blauen Himmel Platz. Der Piste folgten wir bis zur Mittelstation und weiter noch das flache Stück bis auf ca. 2400m, wo man spätestens, bevor der steilere Anstieg auf der Piste erfolgen würde, nach rechts abzweigt. Man lasse sich nicht verleiten zu früh rechts abzubiegen, man muss tatsächlich um die ganze Moräne herum, auch wenn es als Umweg erscheint. Danach löst sich alles auf und man erreicht den flachen, bei uns bestens eingeschneiten Gletscher. 

 

Erste Sonnenstrahlen erreichen unsere Gesichter, das Gemüt erwacht und die Augen suchen schon mal nach der besten Linie für den Anstieg durch die Rinne. Wir werden sicherlich nicht die besten Bedingungen haben, Lawinenschnee liegt am Wandfuss, eine tiefe Furche durchzieht die komplette Rinne. Aber entscheiden kann man letztendlich doch erst, wenn man direkt darunter steht. Wir sehen in der Ferne 2 weitere Rinnenaspiranten, sie werden bald den Bergschrund erreicht haben. Wunderschöne Föhnwolken formen über der Königspitze eine Haube, kein Wunder also, dass der Berg so heisst;-). Leider bedeutet dies aber auch, dass wir bereits auf dem flachen Gletscherhatschzustieg mit recht starken Windböen zu kämpfen haben, wir hoffen in der Rinne abgeschottet zu sein.

 

Beim Lawinenkegel vor dem Bergschrund ist dann Pause angesagt. Steigeisen unter die Füsse, Pickel raus, Ski auf den Rucksack und einen kräftigen Schluck vom Höllengetränk. Zuckersäfte beleben, genauso wie ein gutes Snickers oder gebrannte Mandeln. Gleichzeitig beobachten wir die Kollegen, welche Linie sie wohl wählen werden, den Ausstieg auf den Hintergrat oder doch die direkte Linie? Im pickelharten Schnee gewinnen wir rasch an Höhe, vielleicht zu schnell, denn schon bald schalten die Wadln auf "ich-habe-genug" um. Immer wieder müssen wir uns einen ebenen Tritt schlagen um die erschöpfte Muskulatur auszuruhen, irgendwie Eiswandfeeling, auch wenn wir die Alusteigeisen, den Carbonleichtpickel und noch einen Skistock in der Hand halten. Was von unten schwierig zu bewältigen aussah, eine Engstelle, die durch die Lawinenbahn zustande gekommen ist, können wir über rechts umgehen, so dass wir kaum mit Felsen in Berührung kommen. Der Schnee ist nach wie vor hart-griffig, fast schon wie ein Sommerschnee. 

 

Dass wir beileibe nicht wieder mit den Ski sicher abfahren können, war uns zu diesem Zeitpunkt bereits bewusst. Mit dem Föhn taut die Kruste auch nicht auf, es wird keinen Firn geben. Und mit den tiefen Runsen wäre eine Skibefahrung sowieso um einiges riskanter. Doch wir halten nicht an, deponieren keine Ski. Die Wettkampfski auf dem Rucksack spürt man indes auch kaum, lediglich beim Hinaufschauen wird man ihnen wieder bewusst, weil der Helm antockt. Mit den tiefen Runsen und der Felsdurchsetzung bekommt der Anstieg einen alpinen Charakter. Der Pickel und die Steigeisen ziehen zischend in den brettharten Untergrund, jeder Schritt und Tritt will überlegt sein. Keine Zeit für Sperenzien.

 

Nach 4h und 30 spuckt uns mit einem Schlag die Rinne aus. Direkt vorm Gipfelkreuz und den anderen anwesenden Skibergsteigern, die von der Berglhütte bzw. Trafois aufgestiegen sind. Und natürlich begrüssen uns auch die beiden anderen Bergsteiger, deren guter Spur wir durch die direkte Minnigeroderinne gefolgt sind. Und wer begrüsst uns noch? Eh klar, der Föhn; und zwar recht stürmisch.

 

Ohne viel zu diskutieren ist für uns die Skibefahrung bereits schon lange innerlich gestorben, die Kollegen fragen uns noch, wie wir den Abstieg handhaben werden. Wir schlagen ihnen vor gemeinsam unten in Trafoi ein Taxi zu bestellen um nach Sulden zurückzukehren. Dass dann doch alles anders kommt wie erwartet, bestätigt mal wieder die schlaue Weisheit. Wir verlieren uns bei der Abfahrt aus den Augen, hat doch jeder ein anderes Tempo durch Foto-, Genuss- und Essenspausen. Sie wählen die Abfahrt durch die Rinne mit 2 anderen Südtirolern, die bis zum Parkplatz führen soll, wir entscheiden uns ob der durchgeweichten Hänge in der Querung zur Berglhütte, diese auf der alten Spur schnellstmöglich zu passieren und über den Berglhüttenzu- und abstieg nach unten zu gelangen. Eine gute Entscheidung. Denn kurz darauf sehen wir die gesamte Rinne in Bewegung. Grosse Nassschneebrocken wälzen sich zwar langsam, aber doch Richtung Tal und zermalmen alles, was ihnen in die Quere kommt. Wir hoffen, dass die 4 Mitstreiter frühzeitig diese Gefahrenquelle erkannt haben und rechtzeitig sich umentschieden haben, doch nicht durch die Rinne ins Tal zu gelangen. Leider konnten wir von unserer Position aus nur einen kleinen Teil überblicken.

 

Mit 20min Skitragen gelangten wir so also unkompliziert zum Parkplatz bei den 3 Brunnen. Anmerken möchte ich noch, dass die Winternormalroute auf den Ortler von Trafoi aus durchaus anspruchsvoll ist. Skifahrerisches Können, auch in hartem Schnee, ist Voraussetzung. Der Anstieg hat sehr steile Passagen, die meistens wohl eher auf der eisigen Seite sind. Hinzu kommt noch die Schlüsselstelle beim Eisbruch, die zwar mit einem Seil "versichert" ist, dieses Seil zu erreichen erfordert aber absolute Trittsicherheit im Blankeis. Auch wenn es nur wenige Meter sind, wer hier einen Fehler macht, ist weg. Hundertprozentig. Dann warten noch einige Spalten auf die Tourengeher. Bei uns war der Anstieg noch in guten Verhältnissen, das kann sich aber blitzschnell ändern. Das Zeitfenster für eine sinnvolle Besteigung des Ortler ist daher sicherlich sehr beschränkt.

 

Das Abenteuer geht weiter...

 

Mit unserer Ankunft beim Parkplatz drei Brunnen war unser Ortlerüberschreitungsabenteuer aber noch nicht beendet. Wir mussten ja noch zurück zum Auto in Sulden an der Seilbahnstation. Bus? Fehlanzeige, fährt erst ab Trafoi bzw. Gomagoi. Taxi rufen? Jaein. Wir haben kein Bargeld mit uns, nur eine Bankomatkarte. Und hier in der Einöde gibts definitiv keinen Bankomat. So setzten wir uns erst mal in Bewegung Richtung Trafoi...als aus dem Nichts ein edler 5er BMW stoppte und ein Mann in unserem Alter, gekleidet in Hemd und Anzugshose keck aus dem Fenster rief: "steigt ein, soll ich euch ein Stück weit mitnehmen?". Wow, mit dieser Geste hätten wir nicht gerechnet. Denkt man doch immer in seinen Kategorien und Vorurteilen. Teures Auto. Münchner Schnösel. Wir wurden eines Besseren belehrt. Genial. Unter Bergsteigern hilft man sich also immer noch. Auch heutzutage. Sehr schön! Das freut mich!

 

Wir stehen nun in Gomagoi, einer der raren Busse hinauf nach Sulden wird in 30min abfahren. Doch wie tun ohne Bargeld? Wir deponierten erstmal unsere Rucksäcke und Ski und warteten an der Strassenabzweigung nach Sulden. Vielleicht hat jemand erbarmen mit uns und nimmt uns ein weiteres Mal mit. Es kommt aber partout kein Auto. Schliesslich gehen wir in die (einzige) offene Dorfkneipe um nach einem Taxidienst zu fragen. Das klassische Bild, ein paar Männer sitzen um die Theke verstreut beim verspäteten Frühschoppen, die Luft ist mit Rauch geschwängert, miefiger Geruch. Und siehe da, wir werden ein weiteres Mal positiv überrascht. Ein älterer Herr, der Pfarrer der Gemeinde (wie sich später herausstellt) drückt uns 10€ in die Hand für den Bus. Wow, wir sind baff, so viel Glück, so viel Hilfsbereitschaft, so viel Menschlichkeit an einem Tag. Ich halte für mich fest: im Tal des König Ortler ist die Welt noch heil...

 

 

 

 

 

Infos zur Route:

 

exponierter Rinnenanstieg auf den Höchsten der Ortlergruppe. Durch die südseitige Exposition ist das Lawinen-Risiko wahrscheinlich gut kalkulierbar, aber der Zeitpunkt einer sinnvollen Skibefahrung zu treffen, vermutlich um so schwieriger. Wir hatten bei unseren Verhältnissen mit dem harten Schnee, der teilweise nur die Frontzacken hineinliess, wahrlich den Eindruck wie in einer einfachen Nordwand. Steil, ausgesetzt, Tiefe saugend.  Die 50 Grad wurden bei uns gefühlt locker erreicht. An manchen Stellen eher noch ein paar Grad mehr Richtung 55. Die Steilheit ist sehr konstant, nirgends lehnt sich der Anstieg zurück.

 

Für den Zustieg, die ca. 8km und 1350Hm bis zum Bergschrund, haben wir 2:20h vom Parkplatz bei der Seilbahn in Sulden benötigt. Für die Rinne selbst ca. 1:40h

Bei unseren Verhältnissen (pickelhart) wäre ein zweiter Pickel anstatt dem Skistock auch angenehm gewesen. Für die Abfahrt/Abstieg nach Trafoi auf dem Winternormalweg benötigten wir nochmals 1:30h, wobei wir einmal wieder auf Steigeisen für 10m umsatteln mussten beim Eisbruch, der Schlüsselstelle., sowie ca. für 20min die Ski ins Tal getragen haben auf dem Berglhüttenweg. Der obere Teil der Abfahrt war hart und ruppig, weiter unten allerdings perfekt firnig und die Querung zur Berglhütte bereits grenzwertig weich ausserhalb der Aufstiegsspur. Diese Zeiten dienen zur Orientierung für ein eingespieltes Team, das normalerweise bei Skitouren 800Hm/Stunde macht.

 

Für die Überschreitung Bargeld einpacken nicht vergessen und den Busfahrplan einspeichern bzw. die Nummer von einem Taxidienst. An Werktagen (inkl. Samstag) fährt um 13:11Uhr in Gomagoi ein Bus nach Sulden.

 

 

Noch 2 Bilder, die die unterschiedlichen Verhältnisse beschreiben helfen sollen. Das Linke ist vom Begehungstag. Deutlich ist der Bergschrund und der Lawinenkegel darunter zu erkennen, ebenso die tiefe Runse. Auf dem rechten Bild, das von 2 Tagen später stammt (nach 20cm Neuschneefall in der Nacht) ist der Bergschrund plötzlich verschwunden, aber die tiefe Furche in der Mitte blieb. Trotzdem dürften die Verhältnisse an den Tagen danach nochmals besser gewesen sein als bei unserem Durchstieg und vielleicht sogar für eine Skibefahrung gereicht haben...

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Kommentare: 1
  • #1

    Stefan ALBERT (Donnerstag, 27 September 2018 22:58)

    Waren die woche zuvor über die Rinne rauf

    Die dicke furche ist in der Minnigerode fast immer
    Ist aber nicht zu unterschätzen
    (Früh genug nach skiers left wechsel/ sonst hat man ein Problem)

    Am 28.04 waren wir am kinni die und haben euch dann wahrscheinlich hoch gehen gesehen

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