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Eiger Westflanke

In der Weiterentwicklung meiner Vision vom fast&light-Skibergsteigen sollte auch der Eiger ein Wörtchen mitreden können. Zwar war ich hin und hergerissen, ob der objektiv gefährliche Anstieg über die Westflanke unbedingt sein muss, aber einmal auf dem Eiger zu stehen reizte dann doch sehr. Die objektive Gefährlichkeit kommt daher zu Stande, dass ein grosser Eisserac über der Anstiegsrinne droht und immer mal wieder mit Eislawinen bombardiert. Doch mit unserer light&fast-Strategie ist man tatsächlich nur kurze Zeit der Gefahr ausgesetzt und somit fanden wir das Risiko als vertretbar.

 

Leider war die ganze Rinne unterhalb vom Eisserac mit Lawinenschnee übersät, so dass wir schon ziemlich bald aufs Skitragen umsteigen mussten. Doch entlang der pickelharten Lawinenbahn kamen wir sehr schnell vorwärts und befanden uns bereits nach 1h40min seit dem Aufbruch an der Station Eigergletscher oberhalb vom Eisbruch, von wo ein grosses Schneefeld zur oberen Westflanke führt. Die Querung unterhalb des Eisbruchs, um aus der Rinne herauszukommen, ist bereits mit einigen Felsen und einer sehr tiefen Runsen durchzogen, im Aufstieg derweil noch problemlos, in der Abfahrt kann etwas höher im Schnee gequert werden, so dass diese Passage ohne Skiausziehen möglich ist.

 

Wir sehen eine 4er Gruppe am Ende des Schneefeldes nach links in die obere Westflanke aufsteigen. Dort wollen wir unser Skidepot einrichten, denn der obere Teil der Westflanke ist felsdurchsetzt und absolute No-Fall-Zone. Für mich momentan noch eine Spur zu gewagt mit den Wettkampfski, mir reicht der Part bis hier hin bei diesen Verhältnissen bei weitem. Langsam erreichen uns auch die ersten Sonnenstrahlen, es wird wärmer, aber immer noch angenehm und komplett windstill. War der Aufstieg bis hierher recht mühelos im harten Schnee mit den Steigeisen zu begehen, wechselt der Anspruch an die Kondition schlagartig. Mit jedem Schritt sinkt man tief ein, zunächst nur knöcheltief, später knietief. Zum Glück können wir auf die vorhandenen Aufstiegsspuren zählen, die 4er Gruppe hat bereits gute Arbeit geleistet.

 

Hatte das untere Gelände beim Eisbruch nur kurzzeitig knapp über 40 Grad erreicht, bewegen wir uns hier oben im konstant 45 Grad Gelände. Ab und an kommen diese eigertypischen Felsplatten zum Vorschein. Abwärtsgeschichtet, mit Eisglasur. Von diesen übersteigen wir allerdings nur 2 oder 3 Exemplare, der Rest spielt sich überwiegend im tiefen Schnee ab. Erst kurz vorm Ausstieg stossen wir auf den Spurertrupp, wobei der Frontman ein Viech ist. Mit Splitboard auf dem Rücken spurt er wie eine Maschine durch den Schnee, die komplette Aufstiegsspur war von ihm!!! Wir sind schwer beeindruckt!

 

Wie so oft an den hohen Bergen der Alpen, eröffnet sich einem auch beim Eiger eine phänomenale Aussicht und Rundumsicht am Gipfel. Ich bin sprachlos und komme aus dem Staunen kurzzeitig gar nicht mehr heraus. Wir fallen uns in die Arme, bedanken uns und klatschen mit der Spurmaschine ab. Eiger. Irgendwie besonders. Wow, ich bin auf dem Eiger! Kein Wind, keine Wolke, nur strahlendweisse Berge um uns herum und dieser grandiose Tiefblick auf das grüne Grindelwald. Hui, die Nordwand pfeift gehörig hinunter! Wie lange haben wir gebraucht? 3 Stunden 20min. Besonders der obere Teil war anstrengender als gedacht. Das hohe Treppensteigen eher ungewohnt. Wie ist nochmals der Eigernordwandrekord? Ich glaube 2h22min. Unfassbar.

 

Nach einer halben Stunde Staunen, Geniessen und das gute Gefühl walten lassen, hiess es Abschied vom Gipfel nehmen und den Fokus wieder aufzubauen. Bis zu unserem Skidepot hatten wir doch gut 500Hm in der Flanke wieder abzusteigen und die Sonne heizte mittlerweile kräftig, was einige ärgerliche Stollen an den Steigeisen verursachte. Unterdessen durften wir die skifahrerischen Künste der anderen begutachten, in schönem Firn schwingen sie zaghaft am nördlichen Rand der Flanke an uns vorbei. Das sah gut aus und machte Lust auf MEHR.

 

Wir begnügten uns mit den Abfahrtsmetern weiter unten, die im oberen Teil, also oberhalb noch vom Eisbruch, mit schönem steilem Firn warteten. Doch auch hier gilt, Fallen verboten. Und so kostete es mich einmal mehr massiv Überwindung, den ersten Schwung zu machen. Danach lief es, aber dieser erste Turn, das muss ich noch in den Griff bekommen. Zu gerne hätte ich mein hochkonzentriertes, von leichter Angst verzerrtes Gesicht von Aussen gesehen! Ich folge brav Harrys Spuren, setze jeden Schwung überlegt und mit Bedacht. Eigentlich wäre das Gelände easy cheasy, da bin ich schon steilere Sachen abgefahren. Aber die Kombination mit den schlechten Schneeverhältnissen ab Eisbruchniveau (Lawinenbahn, welche nur auf einem schmalen Korridor überhaupt ein einigermassen kontrolliertes Durchkommen ermöglichte) und meine 156er Wettkampfski erzeugten doch eine gewisse Spannung bei mir. 

 

Froh war ich daher, als ich endlich aus der Gefahrenzone war und durch tiefen Sulz zur Station Kleine Scheidegg abfahren konnte. Dort wurden wir von den schaulustigen und neugierigen Touristen aus allen Herrgottsländern wie Superstars empfangen. Ein richtiges Blitzlichtgewitter ging auf uns Skitourengeher nieder. "Foto, bitte", klick, klick. "Wo kommen Sie jetzt her"? "Ohhhh, vom Eiger!". Respekt und Anerkennung also auch für diejenigen, die nicht die berühmt-berüchtigte Nordwand durchstiegen haben. Vielleicht lässt genau dieses Phänomen die Faszination Eiger weiterleben? Uns hat der Blick von der Scheidegg hinauf zum Eiger zurück jedenfalls abermals beeindruckt. Ein Blick, der wohl niemals alt werden wird und täglich von Neuem mit einem Hauch von Epos beflügelt wird. Der Eiger ist der Eiger. Auch wenn die komplette Skibefahrung dann für uns noch aussteht...

 

 

 

 

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