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Skyrun Bishorn

 

Diesmal geht es nicht um mich, nein, meinen Ambitionen wird kein Gehör geschenkt werden. Alle Energie ist auf das Erreichen von Harrys Ziel gerichtet: es soll der erste, komplette Run auf einen 4000er werden. Eine Vision, die Harry schon länger mit sich trägt, Tag X und Berg X dafür sind gekommen, es ist soweit, Vorhang auf:

 

Dabei stehen die Zeichen für Harrys ambitioniertes Projekt eher schlecht. Der geplante Sonntag entpuppt sich als der wohl ungünstigste Tag für unseren Skyrun auf das Bishorn. Das legendäre Sierre-Zinal Rennen mit 5000 Teilnehmern und einem ausgebuchten Val d'Anniviers verspricht grossen Trubel und Halligalli. Somit entscheiden wir uns kurzfristig für den Samstag, obwohl es in der Nacht von Donnerstag auf Freitag 15cm Neuschnee gegeben hat und Harrys Wadln noch vom Intervalltraining am Donnerstag zwicken. Aufgrund des Mangels an Unterkünften verbringen wir die wenig erholsame Nacht ziemlich unromantisch im Zelt am Parkplatz neben unserem Auto im Talschluss von Zinal. Und als Obergau stellen wir zu unserem Entsetzen schliesslich noch fest, dass wir die Löffel vergessen haben, auf das energiereiche Travellunch-Müsli am Morgen müssen wir somit wohl oder übel verzichten. Trockene, mürbe Kekse und ein Heidelbeer Redbull tun es schliesslich auch.

 

Als dann der Wecker um 5 Uhr in die noch dunkle Nacht läutet, ist die Motivation aus dem warmen Schlafsack zu kriechen und auf der Strasse in der Dunkelheit Kekse zu mampfen, nicht besonders hoch. Eher zäh gestaltet sich demnach unser Aufbruch. Mit dem ersten Morgenlicht steigt allerdings rasch das Stimmungsbarometer und um kurz nach 7Uhr rennen wir an der Kirche in Zinal los Richtung Tracuit-Hütte. Dass das Herrichten der Skyrunning-Rucksäcke und Anlegen der kurzen Hose bei frischen 6Grad wenig erquickend war, ist schnell vergessen, der Weg zur Tracuit-Hütte gestaltet sich steil und bringt den Puls auf Fahrt.

 

Dieser Hüttenanstieg trennt die Spreu vom Weizen. Während Harry noch brav im gleichmässigen Tempo rennt, versuche ich bereits an ihm dranzubleiben, meine Stöcke unterstützen mich zwar beim flotten Bergaufgehen, aber die Steilheit des teilweise recht lieblos angelegten Hüttenzustieges fährt gehörig ein. So kalt der Morgen in Zinal war, so angenehm empfinden wir jetzt die Temperaturen, die uns auf dem Weg nach oben begleiten. Kein übermässiges schwitzen und dehydrieren, Kräfte und Energie werden geschont. 

 

Das Bishorn ist ein begehrter 4000er. Verlangt der Normalweg von der Tracuithütte aus doch lediglich das Begehen eines einfachen Gletschers. Das Fehlen grösserer Schwierigkeiten auf dieser Route witterte Harry als seine grosse Chance und erkor schon frühzeitig das Bishorn als seinen Berg der Berge aus. Das Bishorn sollte es werden, von Zinal bis zum Top, jeden einzelnen Meter wollte Harry rennen. Ein ambitioniertes Vorhaben, das aber als logische Konsequenz seiner bisherigen Erfolge, in den Startlöchern brannte.Trotzdem würde seine Stärke im Bergauflaufen auf die Prüfung gestellt werden. Wir kennen niemanden, der jemals ernsthaft versucht hätte, vom Tal bis zum Gipfel des Bishorns hinaufzurennen, also jeden verdammten, einzelnen Meter.

 

Auf dem Gletscher angekommen legen wir unsere leichten Alu-Schneeketten an, sie geben besseren Vortrieb und Halt auf den blanken, wenn auch flachen Passagen. Die Spur ist deutlich zu erkennen, bei 100 Leuten pro Tag bei gutem Tourenwetter verfestigt sich über den Sommer praktisch eine Autobahn. Nur im oberen Teil, wo es Neuschnee gegeben hatte, kämpfen wir mit schlechtem Abdruckpunkt und einer zu steilen Spur. Harry schnauft wie eine Dampflock, ich leide nicht weniger, hat mich doch auch der Ehrgeiz gepackt ihn in seinem Projekt so gut es geht zu unterstützen. Moralisch, aber auch physisch, indem ich versuche vorweg zu spuren und die Tritte im passenden Abstand in die bereits von Triebschnee wieder zugewehte Spur zu treten. Das bringt auch mich an meine Grenzen, weil es mir nicht erlaubt, stehenzubleiben. Weiter immer weiter.

 

Für gewöhnlich erhalten wir auf unseren Skyruns nicht nur positive Worte. Diesmal ist es anders, die sich bereits im Abstieg befindenden Seilschaften steigen extra für uns aus der Spur. Ein aufmunterndes "bravo" ertönt aus manchem Mund, Anerkennung und Wohlwollen schwebt in der Luft. Das beflügelt, das gibt Kraft. Wie bei einem Wettkampf, wenn der Applaus der Masse vor der Zielgeraden die Sportler zu Höchstleistungen anspornt. Mit zunehmender Höhe wird der Wind stärker. Er hatte sich schon am Morgen angedeutet, als das Weisshorn von einer "Everest-Wolke" eingehüllt wurde. In der gänzlich weissen Umgebung, mich erinnert dieser Moment sehr ans Skitourengehen, trotzen wir den Naturgewalten Wind, Kälte und Höhenexposition. Als nach 3 Stunden und 45 Minuten (inklusive Pausen) die Uhr am Gipfel stehenbleibt, fallen wir uns überglücklich in die Arme. Ich bin unendlich stolz auf Harry, er hat nicht aufgegeben, hat nie daran gezweifelt, dass es für ihn möglich sein könnte auf einen 4000er zu rennen. Als allseits bekanntem Ethiker im Sport ging es ihm um den Stil, um das "wie", nicht um die Zeit in primärer Instanz, was beim Wettkampfsport Laufen der Antriebsfaktor Nr. 1 ist.

 

Vergessen wir nicht den Stil, fügen wir doch in Zukunft hinzu, wie wir den Berg berannt haben und nicht nur in welcher Zeit. Mit etwas Horizont und Blick über den Tellerrand auf andere Disziplinen und Sportarten wird man ähnliche Muster erkennen. Beim Klettern zum Beispiel. Die Ethik ist entscheidend, ohne Ethik fehlt dem Klettern die Essenz. Wenn du dich an jedem Bohrhaken beim Sportklettern hinaufziehst, kann jeder 9a klettern. Folgt man aber den Regeln der Community, wird das Spiel in den höchsten Schwierigkeitsgraden nur von ganz wenigen gewonnen werden. Aber auch weiter unten in den gemässigten Graden, ob onsight, flash oder rotpunkt, der Unterschied liegt im Detail, die Leistung dahinter erfährt eine gänzlich andere Wertung.

 

Vielleicht gibt dieser Run aufs Bishorn, dieser Meilenstein in Harrys Skyrunning-Geschichte, einen Anstoss in der Community auch mal über die B-Note nachzudenken!!! Wir würden es uns wünschen.

 

 

 

 

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Patricia Neuhauser

 

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