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Chli Bielenhorn: Roru

Mit Einzug in den neuen Plaisir Ost Kletterführer erfährt die Route "Roru" am Chli Bielenhorn grosse Beliebtheit. Ich stehe bereits zum 2. Mal beim Einstieg, beim letzten Mal traten wir den Rückzug noch vor dem Losklettern in die Route an. Eine langsame Seilschaft blockierte die 1. Seillänge. Diesmal schaut die Situation so ähnlich aus, zwar befindet sich eine Seilschaft bereits in der 2. Länge und damit am Ende der Hauptschwierigkeiten, doch wir ahnen bereits, dass wir ein weiteres Mal Schlange stehen müssen. Warum ist die Route so beliebt und warum heisst es immer Schlange stehen?

 

Das Geheimnis lüftet sich beim Klettern. Seillänge 1 bietet auf den letzten 10m vorm Stand einen deftigen Aufsteher, zwar steckt der Bolt vorm Körper, doch der wacklige Move will nicht so recht. Und auch der folgende Meter verlangt beherztes Hinsteigen, bevor der nächste Bolt geklippt werden kann (dieser ist mittlerweile mit einer 1m langen Schlinge zum Preclippen versehen). Länge 2 startet mit einer klassischen, grifflosen Reibungsplatte, gut gesichert, aber man muss im Vor- wie im Nachstieg auf 2 Tritten tänzeln, bevor ein grösserer Tritt die Wadenmuskulatur entlastet.

 

Diese Stellen dürften bei der ein oder anderen Seilschaft Startschwierigkeiten verursachen. Besonders, wenn man lediglich am 6b-Niveau kratzt. Die Schwierigkeiten der einzelnen Seillängen sind nicht zu unterschätzen, besonders kräfteraubend habe ich die 4. Seillänge in Erinnerung, mit 5c+ deutlich unterbewertet. Ich fand sie mindestens gleich schwierig wie die Crux der 1. Seillänge. Hier lässt sich mit den Füssen weniger arbeiten, dito kostet sie mehr Kraft. Gleichwohl eine tolle Länge, im klassischen Stil entlang einer Verschneidung/Kamin mit Schuppen und Rissen.

 

Nach der 5. Länge, die auf einem Kopf endet, folgt leichte Abkletterei mit einer Traverse zum anschliessenden Wandaufschwung. Eine feine Seillänge mit Schuppen und wohlgeformten Griffen zieht die orangefarbene Wand empor. Doch leider fehlt der "Roru" so gänzlich dieses Wandfeeling, von Exponiertheit keine Spur. Höchstens am letzten Stand am Schildkrötengrat, wo gewisser Aufwind ausgesetzte Gefühle simulieren hilft. Anstatt abzuseilen, entschieden wir uns für den Weiterweg zum Gipfel, auch ohne Topo vom Schildkrötengrat findet das geschulte Auge den gangbarsten Weg, Bohrhaken dienen zur Absicherung, ansonsten auch mal ein Köpfel. Diese Zugabe über den wunderschönen Klettergrat ermöglicht nicht nur ein Gipfelerlebnis, sondern lässt auch das gesamte Furkagebiet zu Tage treten. Herrlich das Gletschhorn und Gross Bielenhorn gegenüber, die Felsnadel des Gross Furkahorns im Westen, Graue Wand, Hannibalturm und Co. , das Auge kann alle Kletterperlen fröhlich abscannen. Ein zufrieden stellender Abschluss einer mittelmässigen Klettertour. 

 

Nein, die Roru ist nicht schlecht, und Dank gebührt den Erschliessern, doch ihr fehlt etwas. Markante Seillängen, einprägsame Kletterstellen, Ausgesetztheit,...das alles findet man kaum. Die Linie ist nicht ganz logisch, etwas gesucht und auch der Stil der Absicherung nicht ganz schlüssig. Da braucht man prinzipiell keine weiteren Sicherungsmittel wie Keile und Camalots. Die ersten Längen sind durchwegs mit vielen Bohrhaken bestückt. Dann aber tauchen auf einmal im oberen Drittel Runouts auf, wo auch nicht bombig etwas gelegt werden könnte. Das Gelände ist dort nicht sonderlich schwierig zu klettern, doch hatte ich, aufgrund der Tatsache, dass ich in den vorherigen 6 Seillängen keine Cams benötigte, keine zusätzlichen Sicherungsmittel mehr am Gurt hängen. Und es taucht die Frage auf, muss ich jetzt rechts klettern, mittig oder doch eher links? Von einem (wegweisenden) Bolt keine Spur. Für einen Plaisirkletterer, der wohl am ehesten in diese Route einsteigt, eine Knacknuss.

 

Für mich stellt sich überhaupt die Frage, an wen diese Route adressiert ist? Das relativ flache Gelände, das immer wieder von Grasbändern und Gehgelände durchzogen ist, spricht wohl kaum den ambitionierten Kletterer an. Andererseits sind die Kletteranforderungen mit 6b (und so in etwa auch obligatorisch) dann doch ausgesprochen ambitioniert für den waschechten Plaisirkletterer. Vergleicht man die "Roru" mit der Qualität anderer Südwandrouten, dann schneidet sie folglich schlechter ab. Allerdings beantwortet dieser Umstand auch meine Beobachtung mit den zu langsamen Seilschaften. Die Schwierigkeiten, die leichte Erreichbarkeit, der wenig exponierte Charakter, die zahlreichen Bolts etc. ziehen wohl Plaisir-Kletterer an, die sich von den zuvor genannten Eigenschaften der Route haben täuschen lassen. Die Anforderungen sind dann doch um einiges höher.

 

Fazit: Nicht Fisch, nicht Fleisch. Und doch ein vergnüglicher Tag am Furka, der Lust auf mehr gemacht hat.

 

 

 

 

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Patricia Neuhauser

 

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