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Skyrun Balmhorn Altels Überschreitung

Hausberge. Da zählen neuerdings (nach unserem Umzug ins Berner Oberland) auch die Berge rund um Kandersteg hinzu. Wenn auch nicht direkt vor der Haustüre gelegen, aber alle Berge, welche vom Balkon aus auszumachen sind, gehören für mich ab jetzt zum Hausberginventar. So fällt der Blick beim Erwachen an einem strahlend sonnigen Morgen auf die weissen Gletscherflächen der Blümlisalp oder eben auch auf die dunklen Schotterflanken eines Altels oder Rinderhorns. Da ist es naheliegend, dass der Anfang der Hochtourensaison und damit auch Skyrunningsaison für die umliegenden "Hausberge" genutzt werden will. Die Balmhorn/Altels Überschreitung stand somit hoch im Kurs, vor allem, weil man später im Jahr überhaupt nicht mehr vom bequemeren Firnanstieg hinauf zum Zackengrat profitieren kann, sondern mit mühsamen Geröllhalden zu kämpfen hat. 

 

Wir starten also um 8:15Uhr am Parkplatz der Sunnbüel Seilbahn und folgen dem Wanderweg durch die Schlucht hinauf zur Gastwirtschaft Waldhus am Beginn des abgeschiedenen Gasteretals. Munter plätschernde Bächlein begleiten uns wie auch ausgewachsene, tobende Wassermassen. In angenehmen Serpentinen schlängelt sich der Trail über Gurnigel hinauf zur Hochebene Spittelmatte, wo der Schwarzbach mäandriert und wir für einige hundert Meter dem Flussbett folgen, bevor ein schmales Steiglein, entlang von Almrosen und tiefgrüner Vegetation, uns aus dem Flussbett entlässt. Der Anstieg kann beginnen.

 

Beim P2004 teilt sich der Weg bei Steinmännern, wir verfolgen die rechte Gabelung hinauf zur Moräne, welche bis in den weiten Kessel unterhalb des Zackengrates führt. Wir wundern uns noch, dass die Moräne auf ihrer Kante nicht wirklich ausgetreten ist. Doch vermutlich wird das Balmhorn über den Zackengrat eher noch früher in der Saison bestiegen, wenn die Rinnen mit Schnee gefüllt sind und ein easy Fortkommen, rauf wie runter, gewähren. Aber auch so, wir machen Meter, mehr vertikal als horizontal, aber das ist auch gut. Immerhin werden wir heute 2800Hm unter die Füsse bekommen!

 

Der Schwarzgletscher, welcher vom Gipfel des Balmhorns hinunterzieht, leuchtet uns entgegen. Oder zumindest, was von ihm in Zeiten des Klimawandels noch übrig geblieben ist. Wir betreten diesen wohl nur noch am Rande, völlig mit Schuttablagerungen überdeckt weilt er geschützt im Kessel zwischen Rinderhorn, Zackengrat und den Ausläufern des Altels. Zunächst freuen wir uns über etwas Abwechslung, Firn anstatt Schutt, doch die Freude weicht alsbald, als das Firnfeld zum Zackengrat nicht enden möchte. Mit Schneeketten an den Trailschuhen gewappnet folgen wir Schritt für Schritt den vorhandenen Spuren, die Höhe nagt bereits an der Fitness. 

 

Dass das Gelände täuscht, dürfen wir auch bei der nächsten Etappe über den Zackengrat zum Gipfelkreuz erleben. Diese runde Schneekuppe will und will nicht näher kommen, dafür belohnt die Aussicht hinüber auf die Walliser Berge und das formschöne Bietschhorn alle Mühen. Felsplatten wechseln mit Schuttpassagen, die Wegspuren bleiben gut ausgetreten. Ein Blick auf die Uhr verrät, wir haben noch immer 500Hm zu bewältigen, dabei scheint das Gipfelkreuz in greifbarer Nähe? Ist es die Höhe und fehlende Adaptation an diese oder spinnt der Höhenmesser? Ersteres trifft zu, wir kämpfen alle 4, schnaufen, stöhnen, murmeln vor uns hin, als endlich ein weiterer Wechsel ansteht: vom Schotter in den Firn. Die Ketten sind ein weiteres Mal schnell montiert, dafür begrüsst uns ein kühles Lüftchen, welches über die Kante von Süden her weht. Jacken wandern an unsere Körper.

 

Und dann, endlich, in meinem Höhen-Delirium registriere ich das nahende Gipfelkreuz, der nimmerendende Anstieg aufs Balmhorn kommt zum Ende nach 15km Wegstrecke! Erschöpft klatschen wir ab, erst mal hinsetzen, essen und neue Energie tanken. Mein Plan, über den Verbindungsgrat zum nahen Altels hinüber zu wandern und von diesem in Falllinie Richtung Talboden der Spittelmatte zu donnern, wird stillschweigend angenommen. Dieser lange Hatscher über den Zackengrat und die Moräne wieder retour zu rennen, ist für niemanden momentan eine Option. Wir versuchen unser Glück mit unbekanntem Terrain und einem teilweise ziemlich exponierten Verbindungsgrat aus Firn und brüchigem Fels. Zum Glück hatte es wenige Zentimeter Neuschneeauflage auf dem alten Sommerfirn, somit griffen unsere Schneeketten etwas besser, über den Einsatz unserer Pickel waren wir aber trotzdem froh und dass es noch keine blanken Stellen gab.

 

Als Knacknuss entpuppte sich dann gar nicht der Firn, sondern ein äusserst brüchiger Gendarm in der Mitte der Traverse, welcher zwar nicht hoch ist, aber äusserst exponiert und mit fataler Konsequenz bei einem Fehler, erstiegen werden muss. Ein Bruchhaufen ohnegleichen, bei dem absolute Konzentration erforderlich ist, auch wenn es nur 5m sind! Wenn dir da einer der 5 Milliarden losen Steine ausbricht, wirst du hundertpro über den Balmhorngletscher in der Tiefe verschwinden. Also Zeit lassen und jede Bewegung doppelt überprüfen.

 

Danach beschränken sich die Schwierigkeiten auf leichte Kraxelei und dem Verfolgen von Steigeisenkratzern auf dem Fels. Immer wieder wird man mit tollen Tiefblicken beschenkt, bizarre Felsstrukturen entlang des Verbindungsgrates, bevor ein letztes Aufschwung zum Gipfel des Altels leitet. Mittlerweile befinden wir uns in wabernden Wolken, die ab und an einen wärmenden Sonnenstrahl durchblitzen lassen. In Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit, wir hatten gut 4,5h aufs Balmhorn benötigt, entschliessen wir uns zur ausgiebigeren Rast im Tal, wenn wir wieder sicheren Boden unter den Füssen haben werden. Denn der Downhill vom Altels kann bei nassen Verhältnissen noch spuki werden. Immer wieder müssen abwärtsgeschichtete Felsplatten betreten werden, bei Vereisung oder einem Gewitterschauer denkbar ungünstiges Abstiegsgelände. Dazwischen warten geniale Schotterreissen, die hinabgesurft Höhenmeter ohne Ende fressen. Ich staune nicht schlecht, als ich zu Hause auf meinem Strava-Track die Höhenmeter/km sehe, welche wir da im Nu verlieren. 2x ca. 450Hm/1000m und noch einmal ein oberer Dreihunderter! Dieser Downhill vom Altels hat es echt in sich, eine Superdirettissima hinunter zur Spittelmatte.

 

Etwas unschön und holprig verlaufen die letzten 150Hm nach dem Ende der ausgetretenen Wegspur beim Übergang zur Wiese. Weglos heisst es sich noch einmal konzentrieren und motivieren, die müden Knochen zum Pfad beim Sagiwald zu bewegen, wo sich die Steinmännerabzweigung vom Anfang befindet. Es fängt tröpfeln an, gutes Timing. Zurück beim P 1871 entscheiden wir uns zur Sunnbüel Seilbahnstation zu joggen, ich mag definitiv keine Höhenmeter mehr vernichten. Lieber nehme ich den kleinen Gegenanstieg in Kauf und freue mich auf ein grosses Stück Fruchtkuchen und einen Most, bevor uns die Seilbahn mit grandiosen Ausblicken ins Gasteretal zum Talboden zurückbringt.

 

 

Facts

 

Skyrun Balmhorn (3698) / Altels (3629) Überschreitung (ZS-)

 

Distanz: 23km

Höhenmeter: up 2800Hm, down 2080Hm

Talstation Seilbahnstation Sunnbüel in Eggeschwand - Waldhus- Balmhorn über Zackengrat: 4:30h

Verbindungsgrat zum Altels und Abstieg über dessen NW-Schuttflanke zurück zur Bergstation Seilbahn Sunnbüel

Zeit gesamt (inkl. Pausen): 7:40h, bis Gipfel: knapp 4,5h (inkl. Pausen)

 

ideale Zeit:

Balmhorn eignet sich eher für die Frühsaison, Abstieg vom Altels sollte im oberen Teil schneefrei sein (meist Ende Juni/Anfang Juli)

Verbindungsgrat darf noch keine blanken Stellen haben

ungut ist der extrem brüchige Turm im Grat zwischen Balmhorn und Altels

 

Ausrüstung:

Leichtpickel Idol

Aluschneeketten Snowline Chainsen Light

Trailrunningschuh Columbia Mountain Masochist IV

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Patricia Neuhauser

 

Sportwissenschaftlerin, MSc

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