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Weisshorn Schaligrat und Ostgrat

Das Weisshorn, einer dieser Berge, die sich darum streiten, als schwierigster Viertausender zu gelten. Ein schöner Berg, eine stolze Pyramide mit 3 langen Graten. Elegant, mächtig und beileibe nicht einfach zu besteigen. Ein richtiger Berg eben.

 

Dass Bergsteigen nicht Plaisirklettern ist, das ist mir durchaus bewusst, nur dass es so zäh ist, hatte ich wohl in letzter Zeit verdrängt. Mit unseren Speedbegehungen und Skyruns entwickelten wir uns in eine etwas andere Richtung, mit minimalem Gepäck unterwegs und den bequemen Trailrunningschuhen  an den Füssen, werden auch höhere Berge durchaus "genüsslich". Also zumindest im Vergleich zum Bergsteigen, das eher träge und langsam von statten geht. Anstrengen muss man sich gleichwohl, beim Skyrunning wie auch beim Bergsteigen, aber die ganzen Probleme mit Höhenkrankheit und schmerzenden Füssen entfallen, das Leiden ist ein kürzeres;-)

 

Wir entschieden uns also mal wieder Bergsteigen zu gehen, das stabile Wetterfenster will sinnvoll genutzt werden. Die Idee fiel auf den Schaligrat mit Zustieg über den Schaligletscher, um innerhalb eines Tages zur Biwakschachtel zu gelangen. Dass in allen Führern vom Begehen des Schaligletscher abgeraten wird, sollte uns nicht weiter stören, wir wollten ein kleines Abenteuer. Und ausserdem gab es einen 14 Tage alten Beitrag auf dem Gipfelbuch Portal, der von eben diesem Zustieg über den Schaligletscher spricht und der sah vielversprechend aus.

 

Um 7Uhr starten wir also in Randa, über ein idylillisches Weglein gewinnen wir rasch an Höhe und geniessen erstmalig über der Waldgrenze die ersten Sonnenstrahlen, welche über die Mischabelkette drüberschwappen. Der Wanderweg zu den Silberplatten ist wirklich ein Traum, ruhig und aussichtsreich. Erst, wo dieser steil in vielen Kehren zur Weisshornhütte stark ansteigt, biegen wir ins Ungewisse ab (2400m). Weglos stapfen wir entlang eines Bachverlaufs, queren diesen an geeigneter Stelle und halten uns in Richtung Geröllhang, der linkerhand der leuchtenden Felsstufe hinaufzieht. Weniger mühsam als gedacht, da wir einen ausgetrockneten Bachlauf benutzen können, passieren wir auch diesen Abschnitt gut. Erst auf Höhe der Felsstufe beginnt der Anstieg gerölliger und loser zu werden, gleichzeitig nimmt die Steilheit zu, die Oberschenkel beginnen zu stöhnen. Bis auf ca. 3120m kämpfen wir uns also über diesen Schutthang hinauf, im oberen Teil stossen wir sogar auf Fussspuren, die den Anstieg enorm erleichtern.

 

Der kritischste Teil beginnt. Die Querung auf diesem Fels- und Schuttsporn hinüber auf den Schaligletscher. Auch wenn das Gelände weniger steil ist, als es von unten den Anschein hat, es herrscht doch Absturzgelände. Zum Glück kann man hier von den besagten Fussspuren profitieren und so das Gelände flüssig passieren, Steinschlag lässt grüssen. Der Schaligletscher schwindet immer mehr, der Zugang vom Fels auf diesen ist enorm steinschlägig, wir beobachten, wie  einige Brocken über das Eis rutschen. Wir entschliessen uns daher diesen Abschnitt so schnell wie möglich zu bewältigen, verzichten daher auf das Anlegen der Steigeisen und schlittern über Eis und Geröll bis auf den Gletscher, wo wir hinter einem grossen Stein in Deckung gehen können. Das Anseilen und Anlegen der Eisen verläuft zügig. Puhhh, erste Crux geschafft, die zweite wird vermutlich weiter oben auf uns warten.

 

Der Anstiegsweg über den Gletscher ist so weit vorgegeben, wir steuern auf den Punkt 3276 zu, immer wieder grösseren Spalten und den Steinschlagzonen, erkenntlich an etlichen Steinen auf dem Gletscher, ausweichend. Die Schneeauflage ist nicht mehr besonders dick, ich bin froh um meine Stöcke, die mir als Sonde zum sondieren der Spalten dienen. Vor dem Durchschlupf hinter P 3276 gilt es auch auf Eisschlag zu achten. Wir übersteigen einige Eisbrocken, sind allerdings auch froh diese nutzen zu können, da sie etliche Spalten überdecken und so leicht begehbar machen. 

 

Nach dem Durchschlupf steilt sich das Gelände auf, im Zickzack geht es um Spalten herum, bevor die überdimensional riesigen Querspalten, welche die Crux für heute darstellen werden, uns erreichen. Die Dimensionen sind wirklich erstaunlich! Da pfeift es einfach 50m senkrecht nach unten. Eine schmale Brücke scheint zum Erfolg zu werden. Fehlanzeige, alles wieder retour, wir versuchen woanders unser Glück. Das Durchkommen hängt für einen Moment in der Schwebe. Dann der nächste Versuch weiter links, das schaut erneut vielversprechend aus. Ich sichere Harald mittels Rammpickel über den schmalen Damm aus Eis und Schnee, an dessen Ende eine wilde Schneebrücke den Weiterweg über diese brutale Spalte freigibt. Immer wieder zirkulieren wir umher, da macht man Meter, obwohl die  Luftlinie zum Schalibiwak nur noch wenige hundert Meter beträgt. Doch die Spalten wollen umgangen werden. Auch noch kurz vor dem Schalibiwak warten noch kleinere Spalten. Acht geben bis zur letzten Minute.

 

Wir staunen nicht schlecht, als wir nach 7 Stunden der Einsamkeit und fern ab von jeglichem Trubel auf eine überfüllte Biwakschachtel treffen. 14 Leute inklusive uns, und das am Schaligrat! Einer anspruchsvollen Tour. Ok, das Wetter stimmt und es hatte den 01. August mit einem Brückentag, aber 14 Aspiranten?!? Bergsteigen scheint zum Massensport zu mutieren. Eine schlaflose Nacht war vorprogrammiert, Harald und ich mussten uns auf dem Logenplatz Bank arrangieren, während die anderen wie Sardinen Kopf an Fuss an Kopf an Fuss gereiht die Matratzen besetzten.

 

Das Biwak ist mit Gaskartuschen ausgerüstet, allerdings funktionierten nur 3 Aufsätze. Kochutensilien und das Nötigste zum Reinigen sind vorhanden, ebenso Eimer und Schaufel um Schnee zum Schmelzen zu holen, genügend Decken würden in trauter Zweisamkeit fast ein heimeliges Gefühl erzeugen. Wir aber begnügen uns für diesmal mit unseren Kollegen, nunja, irgendwie arrangiert man sich noch immer, auch wenn wir diesmal mehr die Arschkarte gezogen hatten.

 

Als letzte Seilschaft, wir wollten nicht im Dunkeln starten (viel zu kalt und windig), hauten wir uns nochmals aufs Ohr, als endlich Ruhe im Biwak einkehrte. Aber gut, irgendwann muss man doch los, die Tour wird verdammt lang werden. Das Silbernagel Topo, wie auch das Topo des SAC Führers der Region, haben deutliche Mängel in ihrer Beschreibung. Auf dem Silbernagel Topo wirkt der Grat wie ein easy Scrambler, der SAC Führer umgeht sogar den kompletten ersten Aufschwung. Die Steinmänner und Wegspuren im Geröll hinter dem Biwak weisen deutlich zu einer Scharte vor einem ersten Turm. Türme wird es in Folge etliche haben. Und schliesslich weiss man gar nicht mehr, auf welchem man sich laut Topo befindet. Der Schaligrat weist keine Abnutzungen auf, es gibt keine Haken. Ich habe genau 1 Schlaghaken gesehen, 1 Schlinge und 2 Fixfriends. That's it! Dazwischen ist Gespür und Glück gefragt, den effizientesten Anstieg zu finden. Geht es links oder rechts um den Turm? Klettern wir drüber? Es ist eigentlich fast nie offensichtlich und die Möglichkeiten ähnlich schwierig. Die Orientierung stellt somit am Schaligrat das Hauptproblem dar, gar nicht mal die Kletterschwierigkeiten. Hinzu kommt die enorme Höhe und Länge, sowie die Exponiertheit. Ein Fehler darf dir hier nicht unterlaufen, und auch kein Wetterumschwung sollte dich hier erwischen, da die Rückzugsmöglichkeiten gleich Null sind.

 

Mit Kopfweh und ausgetrockneten Kehlen erreichen wir nach 6 1/2 Stunden das Gipfelkreuz, was nur die halbe Miete sein wird. Den Abstieg über den Ostgrat (Normalweg von der Weisshornhütte) darf man nicht unterschätzen, auch wenn die Schwierigkeiten bei weitem nicht die sind, die der Schaligrat bietet, aber es brauch von Anfang bis zum Ende 100% Konzentration und ein waches Auge. Eine eingespielte Seilschaft, die den Firnabstieg ohne Eisschrauben zu setzen (es gab schon etliche blanke Stellen) bewältigt, spart Zeit. Ebenso im Felsteil, solides Abklettern geht schneller als Abseilen. Wir entscheiden uns fürs kurze Seil am Firngrat, sowie auf der Rippe, im Felsteil gehen wir am halblangen und werfen es immer wieder um Köpfel und Blöcke herum. In Summe haben wir am Ende 1 Abseiler, 1 Ablasser und einmal ein gesichertes Abklettern. Vom kompletten Abklettern (von dem der Silbernagel Führer spricht), bin ich nicht überzeugt. Da gibt es definitiv 1-2 Stellen, die deutlich sicherer und schneller sind, wenn man ablässt oder abseilt. Und ich würde jetzt mal davon sprechen, dass ich generell ein sehr guter Abkletterer bin...

 

Wie so oft beim Bergsteigen, kommt irgendwann der Punkt, an dem das persönliche Tief erreicht ist. Bei mir war das dann auf dem Schneefeld. Ich hatte partout keine Kraft mehr zum Abrutschen und die Sonne brannte erbärmlich auf meinen Schädel, so dass ich glaubte einen Hitzestau zu erleiden. Also warf ich mich auf den Hosenboden und schlitterte so für einige Dutzend Meter den Hang hinab. Zuvor nahm die Rippe verdammt noch mal kein Ende!!! Immer wieder noch ein Steinmann und nochmals ums Eck und dann wieder eine Abkletterstelle und zum Schluss ein Abseiler. Ernüchternd. Das Schneefeld sollte Abwechslung bringen, das dann aber in noch grössere Abneigung der Fortbewegungsart endete. 

 

Schliesslich versöhnte der imposante Wasserfallweg und der blanke, zum Glück flache Geltscherrest zur Hütte. Weil wir mittlerweile schon frühen Abend hatten, warf die Sonne bereits lange Schatten und hüllte die Umgebung in ein wunderbar warmes Licht. Das sind dann wieder die Momente, warum man Bergsteigen geht. Strapazen lösen sich in Luft auf, die Schönheit der Natur überstrahlt sämtliche Zweifel. 

 

Um 21:30Uhr erreichen wir Randa in der Dämmerung, gerade noch so ohne Stirnlampe. Dass unser Hotel bereits geschlossen hat, ist nebensächlich, wir greifen gleich zu Plan B: Futter fassen. Auf dem Camping erhalten wir noch ein Zimmer und in Täsch zaubert uns ein kräftiges Dürüm Leben ins Gesicht. Das Leben kann manchmal so einfach sein, wenn es auf die Grundbedürfnisse beschränkt wird. Ein Dach über dem Kopf, etwas Warmes zu essen, ein durstlöschendes Bier und den besten Menschen an der Seite, den man sich für solche Abenteuer und natürlich fürs Leben generell nur vorstellen kann...

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Patricia Neuhauser

 

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