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Jungfrau - Innerer Rottalgrat

Ich durchtrenne ein Spinnennetz nach dem anderen. Es klebt auf meiner verschwitzen Haut fest und kitzelt. Immer wieder wischt meine Hand die Mischung aus Schweissperlen, Morgentau und Spinnennetzen ab. Nein, dieser Anstieg von Stechelberg zur Rottalhütte im Finstern der Nacht ist nicht wirklich entzückend. Steil und teilweise überwachsen. Erst als wir aus dem Wald herauskommen und der Urwald zur typisch alpinen Flora und Fauna wechselt, fühlen wir uns wieder wohler. Aber, da muss man durch, wenn man sich in den Kopf setzt, die Jungfrau als Singlepush-Unternehmung anzugehen.

 

Wir sind um 3:30Uhr in der lauwarmen Nacht auf dem hintersten Parkplatz in Stechelberg gestartet, mittlerweile dämmert es und wir sehen Lichter hoch oben am Innern Rottalgrat. 4 Seilschaften zählen wir. Ob die mit ihrer Funzel den Anstiegsweg durch die grosse, schuttbedeckte Kalkplattenlandschaft finden? Wir sind jedenfalls froh, dass wir den Innern Rottalgrat bei Tageslicht geniessen werden. Liebevoll angebrachte Marienkäfer schmücken den Weg ab der Rottalhütte. Wir werden in unserer Meinung bestätigt, dass Bergsteigen bei Tageslicht die schönere Art der Fortbewegung ist, als im Kegel der Stirnlampe Schritt für Schritt vor sich hin zu trotten und dann doch wieder vom Weg abzukommen.

 

Die erste Etappe ist gemeistert, wir gönnen uns ein Elmer Citro auf der Rottalhütte und füllen unsere Softflask auf. Hinter uns erscheint die Äbni Flue in rosafarbene Tönen, auch am James Bond-Gipfel geht bereits die Sonne auf. Wir müssen uns heute allerdings gedulden, abgeschirmt auf der Westseite geht die Sonne erst zu späterer Stunde auf. Wir nehmen vorlieb mit Steigspuren, Steinmännchen und besagten Marienkäfern, die uns behutsam durch die erste Steilstufe hinauf auf den Schuttrücken führen. Auch die Querung hinaus in die Plattenwand bis zum Bachlauf und wieder retour ist durchgängig markiert. Im Prinzip Alpinwandergelände, zumindest bis zum ersten Tau. 

 

Doch ganz so glatt verläuft unser Anstieg dann doch nicht, ein Verhauer vor dem 2. Tau. Wir folgen zu lange der Gneisrippe nach links hinauf zum Grat, wo wir dann sehr weit rechts das zweite Tau erblicken. Mist, zurück. Relativ direkt steigen wir schliesslich zum Tau hinauf, wo wir eine Dreierseilschaft überholen. Kurzer Plausch und ab nun doppelte Vorsicht, keine Steine zu Tale zu befördern. Eine steilere Kletterstelle, dafür gutgriffig zum Schluss, bevor wir den felsigen Grat hinter uns lassen und auf Steigeisen wechseln. Perfekt gefrorener Schnee leitet uns auf guter Spur vom Vortag zum Gipfel der Jungfrau, wo wir erstens alleine, zweitens endlich in der Sonne und drittens nach 6 Stunden und 30 Minuten erschöpft uns niedersetzen. Es ist windstill, angenehm warm und fantastisch schön hier oben, mein Blick schweift nach Nordwesten. Einer weniger der Gipfel der Balkonberg-Challenge. Ich sehe bis auf unsere Wohnung hinab oder zumindest bilde ich es mir ein, sie mit meinem Adlerauge gesehen zu haben.

 

Der Abstieg von der Jungfrau im Schnee gestaltet sich weniger schwierig als befürchtet, Eis ist nur an ganz wenigen, kurzen Stellen unter den Steigeisen zu spüren. Konzentration braucht es trotzdem und die ist nach so vielen Stunden auf den Beinen gar nicht so einfach aufrecht zu erhalten. Kurz vor dem Rottalsattel wird es Zeit anzuseilen, tiefe Spalten in Kombination mit dem weichen Schnee mahnen zur Vorsicht. Die Nordostflanke des Rottalhorns ist heute gut aufgelegt und wirft für mal keine Eisbrocken. Trotzdem schauen wir hier zügig Meter zu machen. Wir staunen nicht schlecht, als uns noch einige Leute im Aufstieg begegnen, bei der Hitze! Krass! Wir haben unsere Kleidung bereits auf das"puhhh-ist mir heiss"-Ambiente angepasst und Handschuhe, Helm und Langarmshirt abgelegt.

 

Noch heisser wird's dann schliesslich auf der gemeinen Ziellinie zum Jungfraujoch hinauf. Das Ziel immer vor Augen und doch sind die Augen nur auf die nächsten zwei Schritte gerichtet. Links. Rechts. Links. Rechts. Grosser Schritt über die Spalte. Seil spannt. Links. Rechts. Es zieht sich sage ich euch....Doch auch diese Ziellinie ist irgendwann erreicht, um 12.30Uhr um genau zu sein. Perfekt um den nächsten Zug zur Kleinen Scheidegg zu nehmen, den Trubel am Jungfraujoch hinter sich zu lassen und auf der bedienten Sonnenterrasse der Kleinen Scheidegg bei Schnitzel und Bier den Tag Revue passieren zu lassen.

 

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Patricia Neuhauser

 

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