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Morgenberghorn Nordflanke

Immer wenn bei Sonnenuntergang die Skyline von Aeschi (so bezeichne ich die Hausberge Morgenberghorn - Schwalmere - First/Dreispitz) im rötlich-warmen Licht erstrahlt, erreicht die Sehnsucht nach ihnen, meinen Hausbergen, den Höhepunkt. Dann dringen merkwürdige Tourenideen in meinen Gehirnwindungen an die Oberfläche. So wie diese hier: über die Nordflanke in möglichst direkter Linie zum Gipfel des Morgenberghorn. Bei der Internetrecherche stosse ich auf einen spannenden Tourenbericht. So ähnlich, mit etwas mehr Schnee, würden die Verhältnisse in diesem schneearmen Winter wohl auch sein. Ein Team für die Schnapsidee ist schnell gefunden, mit Marianus, Matic und Hari im Gepäck wagen wir uns an die unbekannte Nordseite des Morgenberghorns. 

 

Es ist ungewöhnlich mild für Januar und wir liefern wohl ein ungewohntes Bild für die Nachbarn, als wir an der Bushaltestelle vor unserer Haustüre mit 2 Eisgeräten bewaffnet und Stahlsteigeisen im Rucksack auf den Bus nach Spiez warten. Doch so verrückt die Idee auch klingen mag, manchmal muss man einfach kreativ werden und das Beste aus den gegebenen Verhältnissen machen. Das ist überhaupt immer einer meiner Antriebe, nicht unbedingt nach Perfektion zu streben, aber doch das Optimum herauszuholen. Die Morgenberghorn Nordseite sollte den Auftakt bilden für eine Neuentdeckung meiner Bergleidenschaft. Bergsteigen im Winter. Auf Grasberge. Ohne Seil und aufwändige Sicherungstechniken. In einem puren Stil, den Fähigkeiten angepasst. Flüssig, leichtfüssig und doch mit einigen technischen Passagen gewürzt, in denen nicht die reine Kondition gefragt ist.

 

Wir starten also am Thuner See, genauer gesagt in Därligen. Sea to summit. Oder Lago to summit, in einer ziemlich direkten Linie führt der Wanderweg über die Alp Leissigbärgli und Fareneggli zu der Querung, welche zur Alp Brunni leiten würde. Der Vorteil, wenn man von Därligen bzw. Leissigen startet ist, dass man einen guten Einblick in die Nordflanke des Morgenberghorn erhält und die genaue Linie bestens studieren kann. Von der Alp Brunni kommend ist die Sicht leider versperrt. Ein auffälliger Überhang (ca. 1760m) bildet den Startpunkt in die Direttissima und eignet sich hervorragend um eine Pause zu machen, Steigeisen zu montieren und warme Kleidung anzulegen.

 

Prinzipiell gibt es zahlreiche Möglichkeiten ähnlichen Anspruchs, die Flanke zu durchsteigen. Ihnen allen gemein sind das Höhersteigen in schneegefüllten Couloirs und/oder das Kraxeln auf grasbedeckten Rippen, die mit einigen, kleineren Felsen durchsetzt sind. Ist die Spurarbeit in den Couloirs zu mühsam, weicht man auf die spassige Gartenarbeit auf den Begrenzungsrippen aus. Hier turnt man an gefrorenen Grasbüscheln und Heidestauden höher, die gutmütig den Schlag der Eisgeräte aufnehmen und ein solides Gefühl der Sicherheit vermitteln. Das sitzt, das zieht sogar richtig gut rein, wie Softeis. Lediglich kurze Passagen erfordern mehr Gefühl für delikates Mixedgelände. Nämlich dann, wenn die Grasbüschel von plattig-brüchigem Gestein abgelöst werden und präzises Antreten und sorgfältiges Setzen der Eisgeräte erfordern. 

 

Was mir besonders Freude bereitet: die Freiheit, mit der man seine Linie wählen kann. Nichts ist vorgegeben, ich kann eben selbst wählen, ob ich den Grasbüscheln, dem Gestapfe oder doch anspruchsvolleren Mixedpassagen den Vorrang gebe. Links, rechts, auf einer Rippe, in einer Rinne. Unzählige Möglichkeiten und Varianten. Wir alle schätzen dieses Gefühl und rennen wild umher, jeder seiner Linie folgend.

 

Dass dann oben am Gipfel des Morgenberghorns mit dem Berner Bären der Sturm tobte, erzeugte eine noch tiefere Genugtuung in mir. Auf 2249m, mit Blick auf die hohen Berner Alpen Berge, Tiefblick auf die tiefblauen Seen und unverstellte Sicht bis nach Hause feierten wir unsere Nordwand Direttissima mit einem Eintrag im Gipfelbuch. Der Wind hier oben ist so stark, dass man kaum aufrecht stehen kann. Schneefahnen peitschen über den Westrücken und zeichnen wunderschöne Wechtenformationen in die kontrastreiche Landschaft. Ich sauge den Wind tief ein, lasse ihn mit voller Wucht auf mich prallen. Hier fühle ich mich lebendig und tief verbunden zur Umgebung. Zu meiner neuen Heimat seit 2019.

ÜBERSICHT AUFSTIEG / ABSTIEG

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Patricia Neuhauser

 

Sportwissenschaftlerin, MSc

Präsidentin Verein trail-maniacs

Online-Autorin SAC Tourenportal

Autorin Trailrunning Guidebook

 

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