Der Niesen, dieser Koloss von Berg, diese ebenmässige Pyramide, deren Nordostflanke haargenau unser Wohnzimmercouchblick verschönert, thront prominent vor unserer Haustüre. Ich könnte stundenlang auf diese dunkle, zerfurchte Wand starren, träumen, mich in Linien verirren. Ich zerlege sie, studiere ihre Puzzlestücke, beobachte sie bei Wind und Wetter, zu jeder Jahreszeit. Mache Abgleiche von den Verhältnisfotos, notiere mir meine Ideen und Visionen. Das Verlangen, diese Hirngespinste in die Tat umzusetzen, wächst mit jedem Winter seit dem ersten Tag an, als wir unsere Spuren im zentralen Couloir zum ersten Mal hinterliessen. Liebe auf den ersten Blick sozusagen. Und auch jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, wandert mein Blick unaufhaltsam auf diese Wand aus Schnee, Eis, Fels und Vegetation. Während die Schmerzen vom langen Abstieg noch immer in meinen Gliedern stecken und mich tagtäglich an die Strapazen erinnern, schweifen meine Gedanken schon wieder ab und suchen nach Lösungen für dieses letzte, hartnäckige Puzzlestück der Headwall.
Die Saison 2026 am Niesen meint es nicht gut mit uns, die Schnee- und Eismächtigkeit ist zu gering, die Schwierigkeiten dadurch erhöht. Doch wir sehnten uns nach einem Tag X, an dem wir ein neues Kapitel im Buch unserer Niesenabenteuer eröffnen wollten. Die Motivation und der Wille ungebändigt, die Vorbereitungen abgeschlossen, der Körper leider angeschlagen. Baustellen am unteren Rücken, am Knie, am Fuss und nun auch noch am Ellbogen. Doch für ein Niesenabenteuer, sozusagen Olympia für einen Hochleistungssportler, bin ich bereit, Beschwerden in Kauf zu nehmen. Die Chance, dass alle Faktoren auf "go" stehen um in diese fantastische Flanke einzusteigen, ergibt sich nicht häufig.
Verhältnisse beobachten steht auf der Tagesordnung
Die 2023 von uns mit Matic zusammen versuchte, leider unvollendete Linie zum Niesengipfel, welche anfangs den Weg durch den Stei Chenelgraben sucht, hinterliess ihre Spuren. Spuren im Wunschdenken sie irgendwann, bei besseren Verhältnissen und mit anderem Material zur Absicherung im Gepäck, fertig zu klettern. Dass wir damals anscheinend bereits "Jahrhundertverhältnisse" hatten, konnten wir zu diesem Zeitpunkt nicht erahnen. Erst jetzt, nach 3 Jahren des Wartens und Beobachtens der Linie und einem erneuten Versuch in ihr, können wir mit Gewissheit sagen: optimale Verhältnisse stellen sich wohl nur ganz ganz selten ein. Zusätzlich zu der extremen Verhältnisabhängigkeit gesellt sich noch die Tatsache, dass die Headwall eine ganz andere Hausnummer scheint zu sein bzgl. Ernsthaftigkeit und Anforderungen an Kletterkönnen, Absicherungsmöglichkeiten und Psyche. Auch wenn der untere Teil zügig geklettert werden könnte, da die Bedingungen einen seilfreien Aufstieg erlauben (so wie beim ersten Mal im Winter 2023), so sitzt die Headwall halt doch ganz oben, nach vielen Höhenmetern des Kletterns, Schuftens und Spurens in den Beinen, was an den Kräften zehrt, physisch wie psychisch. Aufgrund der Länge (in Summe 1700Hm vom Tal bis zum Gipfel) und der (fast) nicht vorhandenen Rückzugsmöglichkeiten, ein ernsthaftes, klassisch alpines Unterfangen. Und der Abstieg von ebendiesen 1700Hm wartet als "I-Tüpfelchen" ja auch noch!
Vergleich Verhältnisfotos 2023 vs. 2026
Es kommt immer anders als man denkt...
Die Headwall hebt sich schon rein optisch vom Rest der Flanke des Niesen ab. Sie ist deutlich steiler, felsiger und ohne Baumbestand. Bis zum grossen Schneefeld, über dem die Headwall beginnt, laufen alle Gräben und Rippen zusammen. 2023 mussten wir in der Headwall zum Rückzug blasen und über das grosse Schneefeld zum Nordgrat ausqueren. Eine massive Felsbarriere liess sich, lediglich mit Keilen/Cams ausgerüstet, nicht sichern; der Fels zu plattig und geschlossen, das Eis unerreichbar. Aufgrund dieses Vorwissens, dass der Niesenfels für Cams und Keile ungeeignet zu sein scheint, entschieden wir uns diesmal eine grosszüge Auswahl an Haken (Messer, V-Profil, Winkel,...) und verschiedenen Peckern mitzunehmen. Doch die einzige Konstante im Leben, die sich immer wieder bewahrheitet, liess uns diesmal erst gar nicht bis zu dieser abweisenden Felsbarriere vorstossen: es kommt immer anders als man denkt!!!
Bereits der erste Eisaufschwung erwies sich als spröde und wenig mächtige Mauer aus Eis, immerhin gut gefroren. Mit kurzen Schrauben ganz passabel zu klettern. Weniger entzückend jedoch, besonders für den Vorsteiger, präsentierte sich die anschliessende Rinne, die in der Mitte zwar einen optisch hübschen Eisschlauch führte, aber auf einem kurzen Stück eisfrei war. Nur mit beherztem Ansteigen mit den Eisen auf dem nackten, plattigen Fels und mit vorplatzierten Eisgeräten in dem darüber befindlichen Eis mit einer Stärke von einer Handbreite, konnte man diese Passage überwinden. Eigentlich mein Lieblingsabschnitt, wenn das an dieser Stelle schmale Couloir gut eisgefüllt ist. Der Fels ist hier so wunderbar gebändert und setzt sich farblich ab, ein echter Hingucker. Auch die Aufschwünge in Folge, welche immer wieder von Schneegestapfe, oder besser gesagt "Cardio-Training", unterbrochen sind, gestalteten sich als fordernde, aber doch gut zu meisternde Partien mit dünnem Eis. Erst die letze Stufe, wo wir uns bereits beim ersten Versuch 2023 in der Verzweigung für die linke Variante entschieden, bot uns diesmal eine richtige Knacknuss. Auf ca. 15m konnte Hari noch einen V-Profil Haken versenken, doch dann war Ende Gelände. Das sichere Eis zu weit entfernt, plattiger Fels ohne Halt für Steigeisen und Eisgeräte. Auch die Schneeauflage fehlte. Trotz geringer Steilheit fanden wir keinen gangbaren Weg für uns, da auch das nachfolgende Gelände nicht sicherungsfreundlicher anmutete und der Abschluss der Stufe nochmals deutlich steiler wirkte. Alles in allem also irgendwie gefühlt zu viel Risiko. Vor allem in Anbetracht dessen, dass wir 2023 in unserer Dreierkonstellation alles bis hier hin seilfrei klettern konnten. Den mageren Bedingungen geschuldet, breiteten wir heute, ohne mit der Wimper zu zucken, bereits am Einstiegseisfall die Seile aus und sicherten konsequent jeden Steilaufschwung!
Wir fanden dann linkerhand über die Schnee/Gras/Gebüsch-Begrenzung eine Umgehungsmöglichkeit und erreichten nach 2 Seillängen wieder den Graben. Mit der bereits fortgeschrittenen Zeit im G'nack und den alles andere als einwandfreien Verhältnissen, entschieden wir uns klarerweise die Headwall ein weiteres Mal unberührt zu lassen und den uns bereits bekannten Weg über das Schneefeld und den Nordgrat einzuschlagen. Ein kleiner Vorstiegssturz von Hari in der Knacknuss mit Landung auf dem darunter liegenden Eispodest und damit verbundenen Knöchelschmerzen im rechten Fuss, fütterte ebenfalls nicht gerade unseren Wagemut.
Was danach folgte, entpuppte sich als richtige Odyssee. Als das Adrenalin nachliess ("sicherer Hafen" Gipfel), nahmen natürlich auch die Fussschmerzen zu. Der Abstieg vom Niesen ist im Sommer kein Zuckerschlecken, im Winter eine nicht enden wollende Irrfahrt zwischen Tiefschnee, schienbeintötender Schneekruste, vereisten Pfaden und Wurzeln. Also entschieden wir uns grösstenteils die Niesentreppe als Abstiegshilfe zu benutzen. Den meisten bekannt vom Niesen Treppenlauf, wo die Schnellsten in 1 Stunde hochsprinten. Schon mal 1200Hm schnurgerade über ungleiche Treppenstufen, teils mit, teils ohne Geländer, teils vereist, teils unter dem Schnee, teils trocken, abgestiegen? Hirnverbrannt muss man sein oder eben schmerzerfüllt um diese Herausforderung für den Kopf zu meistern. Ich kann euch sagen: diese höllischen Treppen nehmen kein Ende! Mit Galgenhumor schleppten wir uns zum Auto zurück. Nach 14 Stunden, einem gebrochenen Sprungbein (dies zeigte am nächsten Tag das CT in der Notaufnahme Spital Frutigen) von Hari und einer völlig überreizten Kniesehne und einem stechenden Vorfuss (das Morton Neurom liess grüssen) meinerseits, ging auch dieses Abenteuer vor der Haustüre zu Ende. Da war der Muskelkater der Folgetage noch das kleinste Übel;-)






























Kommentar schreiben