Um ehrlich zu sein, wir wollten nach drei Mal Costa Blanca etwas Neues sehen. Nicht, weil die Strecken im Trainingslagerparadies der Profis rund um Calpe bereits ausgelutscht und abgedroschen wären, aber eine Horizonterweiterung kann nie schaden. Und je mehr Erfahrungswerte man für einen Vergleich oder zum Absichern seines Bewertungsergebnisses herbeiziehen kann, umso differenzierter und aussagekräftiger wird es.
Du bist bereits neugierig auf mein Fazit zur Costa Daurada? Die Kurzfassung lautet eindeutig: Cambrils ist super lohnend! Aber es gibt einen markanten Haken. Wer mit diesem leben kann, wird perfekte Rennveloferien in Cambrils erleben. Doch dazu später mehr.
Destination und Hotel
Cambrils liegt also an der Costa Daurada, gut 90 Autominuten vom Flughafen Barcelona entfernt. Ein typischer Touristenort für Badeferien mit weiten, flachen Sandstränden und Promenaden zum Flanieren, wobei die Saison erst im April beginnt. Unter https://cyclingcambrils.com/de/ von Cambrils Tourismus findet ihr spezialisierte Velohotels und Routenvorschläge. Eine empfehlenswerte Übersichtsseite um erste Eindrücke und Infos aus der Region zu sammeln. Wir haben uns im 4 Sterne Sup Hotel Estival Centurion Playa direkt am Meer zum sensationellen Preis von 850€ für 2 Personen für 7 Nächte mit Halbpension in der Junior Suite einquartiert. Am Flughafen Barcelona um unglaubliche 45€ (inkl. Rundum-Sorglos-Paket Versicherungen) für 8 Tage einen Mietwagen besorgt und beim Eitzinger in Cambrils super gepflegte Rennvelos (Cube Attain mit Ultegra DI2, Carbon) um 260€ für 7 Tage gemietet. Das Gesamtpaket dünkt fast zu günstig, um wahr zu sein! Wer also aufs Budget schauen muss und trotzdem auf Veloferien nicht verzichten möchte, dem sei Cambrils wärmstens empfohlen.
Im Hotel durften wir die Rennvelos aufs Zimmer mitnehmen, es herrschte eine unkomplizierte Atmosphäre, das Personal freundlich und bemüht. Ein SPA gibt es auch, das allerdings vorab kostenlos reserviert werden muss und dann für 45 Minuten zur Verfügung steht mit Whirlpool, Sauna und Dampfbad. Ebenfalls ein Plus gegenüber unserem Favoritenhotel (Cap Negret) in Altea an der Costa Blanca. Abstriche gibt es jedoch beim Essensbuffet. Es ist zwar gut und reichlich, aber weniger gezielt auf Sportler ausgerichtet. Besonders beim Frühstück fehlt dem ein oder anderen eventuell ein wichtiges Detail für einen kraftvollen Start in den Morgen vor einer langen Ausfahrt, auf Porridge oder verschiedene Müsli muss verzichtet werden.
Das Hotel liegt eher am östlichen Rand von Cambrils, so dass fast immer zuerst durch die Stadt gegurkt werden muss. Bis zum Hinterland, wo die schönen verkehrsarmen Strassen beginnen, sind es gut 30 - 45 Minuten, die tagtäglich zurückgelegt werden müssen. Hinzugs mit minimaler Steigung, retour dann mit leichtem Gefälle. Bei Rückenwind und einem starken „Lokführer“ um im Windschatten zu fahren noch lässig, bei Gegenwind eher lästig. Wer nur schnell einen kurzen 50K-Loop machen will, ist in Cambrils weniger optimal aufgehoben. Unter 100 Kilometern bringt man kaum eine sinn- und lustvolle Runde zusammen. Dies gilt also bei der Planung der Veloferien zu beachten. Volumenbolzen ist angesagt, sonst entgehen einem die wunderbar abgeschiedenen Strässchen der Serra de Montsant. Alternativ liesse sich eventuell auch ein Shuttle organisieren? Über diese Option hatten wir allerdings nicht ernsthaft nachgedacht, so dass ich keine weiteren Informationen dazu liefern kann. Ich könnte mir aber vorstellen, dass der Eitzinger da weiterhelfen könnte?
Einen Rasttag (ja richtig gehört, die Neuhausers gönnten sich tatsächlich vor dem grande Finale einen Pausetag!;-)) verbrachten wir faul und träge am Strand und Hotelpool. Hübsche Buchten mit wenig Leuten um diese Jahreszeit (April) fanden wir bei Miami Platja. Die Cala del Solitari bot uns glasklares Wasser und weissen, feinen Sand. Das Meer ist um diese Jahreszeit natürlich noch frisch, doch bei 24 Grad Aussentemperatur heizt sich der Körper genügend auf um die Abkühlung dankend anzunehmen. Die Buchten lassen sich natürlich auch mit dem Velo erreichen, ca. 15Km oneway.
Coffee Rides
Spätestens, wenn das Planen der Velotouren sich fast ausschliesslich nach den Öffnungszeiten der Bäckereien und Cafés orientiert, merkt man, dass man in Spanien ist. Die Siesta macht auch nicht vor hungrig-durstigen Gümmelern halt. Gutes Timing ist also gefragt, will man sich nicht ausschliesslich von klebrigen Gels und Isogetränken ernähren. Schliesslich ist man in den Ferien und mindestens ein guter Kaffee gehört einfach zu jedem Ausflug dazu!
Unsere besten Entdeckungen zu Kaffee, Kuchen, Bar will ich euch nicht vorenthalten:
- Arboli: El Refugi https://elrefugiarboli.wixsite.com/misitio hier gibt es feine selbstgemachte Kuchen und Tapas.
- Mont-ral: Forn Mont-ral https://www.fornmontral.cat/ca/ Bäckerei nach dem Alt de la Mussara Anstieg im Nirgendwo
- Prades: Forn Artesa de Prades https://www.instagram.com/lobradorprades Bäckerei mit kleiner, hausgemachter Auswahl, super lecker
- Porrera: Forn de Pa Ferran i Roser, kleiner Laden mit Lebensmitteln und frischen Backwaren, Treffpunkt der Dorfbewohner. Nach dreimaligem Aufkreuzen in der einen Woche fühlten wir uns schon fast einheimisch😉
- Siurana: eigentlich nur zu Fuss erreichbar (oder man schiebt sein Velo die letzten Meter). Dieses Dorf ganz oben auf der Felszunge (bekannt unter Kletterern) mit Bergankunft lohnt definitiv einen Ausflug und bietet in seiner Mitte eine Bar zum Energie- und Flüssigkeitsspeicher auffüllen (Bar l'Acacia)
- Margalef: bekanntes Klettergebit. Der Ort ist sehenswert, da in die Felsen hineingebaut. Diverse Bars.
- Morera de Montsant: Bar L'unic (der Käsekuchen ist super!)
Empfehlenswert und fast überall zu bekommen (wird manchmal als Dessert gelistet, nicht als Kuchen🤔): Tarta die Queso, Käsekuchen auf Deutsch. Nicht zu verwechseln mit so einem picksüssen Cheesecake. Die Tarta die Queso bietet eine gute Mischung aus erfrischend, aber sättigenden Eigenschaften und schmeckt überall ein wenig anders, je nach "Quark", der verwendet wird.
Strecken
Im Prinzip gibt es drei Ausgangsorte mit ähnlichem Namen, die man tagtäglich ansteuert für die verschiedenen Routen: Mont-roig del Camp, Montbrio del Camp, Les Borges del Camp und von wo aus das Velofahren erst so richtig anfängt Spass zu machen. Sämtlicher Effort bis dorthin versteht sich als Zubringer, teilweise entlang übelst verkehrsreicher Strassen, über Autobahnbrücken und Schnellstrassen. Zweispurige Kreisverkehre mit 6 Ausfahrten sind keine Seltenheit. Zum Glück begegnen die Spanier unheimlich vorsichtig den Rennvelofahrern im Strassenverkehr. Trotz des Verkehrsaufkommens auf besagten Zubringerstrassen hatte ich nie das Gefühl gleich über den Haufen gefahren zu werden. Das Verständnis für Rennvelofahrer ist gross, von dieser Kultur könnten sich andere Länder definitiv etwas abschauen. Es kommt nicht selten vor, dass ein Autofahrer gefühlt 5 Minuten hinter dir hergurkt, bis er gefahrlos überholen kann. Am besten gibst du ihm ein kurzes Winkzeichen mit der Hand, das ihm zeigt, er kann überholen, die Strasse ist frei.
Flowloop
96Km, 1500Hm
in beide Richtungen sehr schön flowig zu fahren
Coll Teixeta und Coll Roig
Kletterklassiker
143Km, 2300Hm
Alt de la Mussara ist DER Anstieg der Region, Pflichtprogramm.
Abkürzen kann man in Prades.
Bijou
93Km, 1650Hm
Llaberia, ein Ort mitten im Nirgendwo als Bergankunft. Highlight!
dem Montsant ganz nah
117Km, 1850Hm
Morera de Montsant, schmuckes Örtchen unterhalb des markanten Montsant Felsriegels
Siurana
132Km, 2400Hm
Alt de la Mussara, Siurana und Arboli
steile Climbs und flotte Abfahrten
Königsetappe
141Km, 2200Hm
Serra de Montsant Loop im Uhrzeigersinn
über die Hochfläche im Nirgendwo
Ergänzungen:
- Spitzfindige Leser meiner Strava Routenvorschläge werden sich vielleicht schon gefragt haben, warum wir über Alforja immer nur heimwärts gedüst sind, aber nie das Col d'Alforja von Alforja hoch. Das hat einen Grund: Von Cambrils bis zum Col geht es stetig bergauf, die Strasse ist recht verkehrsreich und ziemlich monoton, als Retourweg jedoch, besonders in der Gruppe mit Windschattenfahren noch die beste Option für den Heimweg. Leichtes Gefälle lässt einen im Nu bis ans Meer zurückrollen, vorausgesetzt, man hat keinen Gegenwind😉.
- Der Serra de Montsant Loop ist zwar lang, aber wirklich ein Highlight! Es kann durchaus vorkommen, dass man für eine gute Stunde von keinem einzigsten Auto im Hinterland überholt wird; landschaftlich ist die Tour unheimlich abwechslungsreich.
- Alt de la Mussara. Dieser Anstieg gehört zum Pflichtprogramm, auch wenn der Asphalt am schlechtesten von allen beschriebenen Routen ist. Je höher man sich windet, desto grossartiger die Aussicht zum Meer und das Feeling, bereits richtig hoch zu sein!
- Die Strassen rund um Mont-ral sind aussergewöhnlich speziell. Als normale Strasse mit Mittel- und Seitenstreifen markiert, aber so schmal, dass sie eigentlich als Strassen mit nur einer Fahrspur gelten sollten. Mariokart-Feeling;-)
- Es gibt richtig steile Rampen, auch wenn man sie gezielt suchen muss. 18% zählt der Anstieg von Riudecanyes zum Castell Monastir d'Escornalbou hinauf. Oder auch nach Arboli über die Westseite. Oder nach Monera de Montsant über die Westrampe.
Fazit
Cambrils darf sich getrost in die bekannten Rennvelo Destinationen einreihen. Man begegnet hier vielen Gleichgesinnten (Ferien-Gümmeler) in Gruppen, wie auch zahlreichen Einheimischen, die sich besonders am Wochenende aufs Rennvelo schwingen. Velosport ist gross in Cambrils. Die Verkehrsteilnehmer sind rücksichtsvoll, so wie wir es von der Costa Blanca gewöhnt sind. Die Strassenqualität im Hinterland darf sich zu den besten seiner Kategorie zählen. Perfekter Strassenbelag, rollende Steigungen, enorm kurvenreiche Strassen und immer verkehrsarm. Dazu wechselnde Landschaften und viele Optionen, die Strassen zu abwechslungsreichen Touren zu kombinieren. Aber, in Küstennähe und bis zu den Ausgangsorten, wo das hügelige Hinterland beginnt, ist mit viel Verkehr und monotonen Strassen zu rechnen. Wer hier ein Auge zudrücken und auf das weniger sportler-orientierte Buffet des Hotels verzichten kann, wird mit Cambrils nichts falsch machen und eine lohnende Rennvelodestination für den Frühling finden. Wir hatten definitiv unseren Spass!
Pluspunkte:
- top Mietvelos vom Eitzinger
- verdammt günstige Reise
- Bijou-Strassen wie die nach Llaberia oder die Mariokart-Strassen rund um Mont-ral
- direkt am glasklaren Meer mit Sandstrand
Was fehlt:
- ein Treffpunkt der Rennvelofahrer, so wie mit den beiden Cafés an der Costa Blanca (in Xàlo das Velosol Café und das Blanca Bikes Café in Parcent)
Weiterführende Info:
- Rennvelo mieten. Mehrfach habe ich "Eitzinger" in meinem Blogbericht erwähnt. Nein, wir waren nicht über ein Ferienpaket mit ihm in Cambrils unterwegs, aber da wir mega happy mit unseren gemieteten Rennvelos sind, möchte ich den Schweizer Reiseanbieter Eitzinger Sports gerne an dieser Stelle nicht nur zum Mieten der Rennvelos erwähnen. Blödes Timing unsererseits, aber genau an dem Tag, an dem wir retour in die Heimfahrt geflogen sind, hatten die Humbl Spezial Wochen mit Eitzinger in Cambrils gestartet. Das Package hätte u.a. Humbl (https://www.humbl.ch/) Testvelos enthalten, Vorträge und geführte Touren von Humbl Chef himself, Lukas. Eindrücke und das Programm zu den beiden Spezialwochen findest du hier: https://www.eitzinger.ch/de/humbl-spezialwochen, https://www.humbl.ch/humbl-hive/humbleitzinger_cambrils
- Alternatives Hotel: Estival Eldorado Resort. Dies ist auch das Hotel, wo die Eitzinger Spezialwochen in Cambrils Station gemacht haben. Es liegt eher am südwestlichen Ende von Cambrils, ebenfalls direkt am Meer.




































































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